DER WELTGEIST

1. Ein Weltbild in sieben Ebenen und
2. Analysen zu einem Wandel in der Wirtschaftspolitik
 

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1. HJ
Thema
2. HJ
Thema
Jan.
Gewohnheit und Weltwirtschaft
Jul.
Avantgarden der Nutzlosigkeit gemäß Sloterdijk
Feb.
Arbeit, Verträge, PPP, Verzicht, Soldaten
Aug.
Führungsstile: Pyramid of Shit
Mrz.
Bertolt Brecht: Von der Kindsmörderin Marie Farrar
Sep.
Kant: Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten
Apr.
Zustand der Wissenschaften gemäß Schopenhauer
Okt.
Fundstücke: Zwei Postkarten
Mai
Perspektivlosigkeit der Jugend (Südeuropas)
Nov.
Der Messias ist bereits angekommen
Jun.
Emotionale Ausbeutung von Männern durch Werbung
Dez.
Die Reise durch das Universum
2018
(5) Der Weltgeist im Wandel   (4) Dualismen   (3) Gut und Böse   (2) Es ward Licht   (1) Tweetsammlung
2017
(12) Konsumfest   (11) Populismus   (10) Zielkonflikte   (9) Klimawandel   (8) Umverteilung durch Rente   (7) Lebenserwartung   (6) Vermögenskrise   (5) Kapitalismus = kosmisches Prinzip   (4) Gesellschaftliche Verwerfungen   (3) Exportüberschuss   (2) Spektrallinien   (1) Nichts und Licht
2016
(12) Gute Führung schafft sich ab   (11) Rache der Ausgegrenzten   (10) Sexismus   (9) Umzug Lenins   (8) Arbeit als Strafe   (7) Vernunftwissenschaftler   (6) 100.000 Sozialarbeiter   (5) Wohnungsnot   (4) Demokratieindex für Kredite   (3) Verschiedenes   (2) Enteignung   (1) Realität und Vorstellung
2015
(12) Ausgrenzung   (11) Inflation durch Löhne   (10) Es wächst nichts mehr   (9) Modell zum Weltbild   (8) TTIP für Bildung   (7) Gott und das Böse   (6) Ursprung der Vernunft   (5) Licht und Götter   (4) Licht und Binärsystem   (3) Ursprung des Meinens   (2) Sittenwidrigkeiten   (1) Unchristlich vs ungläubig
2014
(12) Spekulationsblasen   (11) Happiness Engineers   (10) Plagiat   (9) Standford-Gefängnis   (8) Frauenfrage   (7) Gesellschaftliche Spielregeln   (6) Der weiße Mann   (5) Damen und Herren   (4) Moral des Kleinbürgers   (3) Missbrauch von Symbolen   (2) Sexualität   (1) Kapitalistisches Manifest
2012
(12) Unternehmenskrisen   (11) Weniger arbeiten   (10) Grundeinkommen   (9) Revolution   (8) Political Correctness   (7) Bundesschatzbriefe   (6) Betongold   (5) Hartz IV und Existenzminimum   (4) Kapitaldeckung   (3) Investitionen in Bildung   (2) Exzellenzförderung   (1) Schutz des Eigentums
2011
(12) Abfolge der Generationen   (11) Schuldenbremse   (10) Sammlung diverser Zitate   (9) Arthur Schopenhauer   (8) Gesellschaftlicher Zusammenhalt   (7) Finanzkrise   (6) Gleichberechtigung   (5) Energiewende   (4) Arbeitskräftemangel   (3) Bildungsinvestitionen   (2) Elite   (1) (Personal)führung
2010
(12) Personalauswahl   (11) spätrömische Dekadenz   (10) Nachhaltigkeit   (9) Gleichgewicht der Gier   (8) Arbeits- und Immobilienmarkt   (7) abnehmendes Wachstum - steigende Zinsen

Gedanken zum Dezember 2013

Die Reise durch das Universum

Die Weihnachtszeit kann auch mit dem Gedenken an die Schöpfung in Verbindung gebracht werden. Diese Gelegenheit möchte ich nutzen, den von mir überarbeiteten Kurzfilm: "Ein Weltbild in sieben Ebenen: Die Reise durch das Universum" zu präsentieren. Diese Animation ist gleichermaßen im Teil 1 meines Werks "DER WELTGEIST" enthalten. In dieser künstlerischen Umsetzung einer philosophischen Idee wird aufgezeigt, wie sich der Vers von Leibniz "Alles aus dem Nichts zu entwickeln genügt Eins" denken lässt. Diese Reise führt Sie von Null und Eins zum Binärsystem, von hier zu wissenschaftlichen Studien, von hier zu den Wissenschaften, von hier zum System der Wissenschaften, von hier zum Weltenlauf, von hier zum Weltgeist, von hier zum Universum und von hier zu Null und Eins - damit schließt sich der Kreisgang. Der enthaltene Gottesgesichtspunkt ist ein philosophischer Standpunkt. (Youtube-Video wurde aktualisiert im August 2015)

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Gedanken zum November 2013

Der Messias ist bereits angekommen

Ich vertrete die These, dass es den Messias als Retter und Friedensbringer der Endzeit, als an eine menschliche Einzelperson geknüpfte Hoffnung auf endgültigen Weltfrieden oder als endzeitliche Heilserwartung an eine Retter- und Mittlergestalt bereits gibt.

Wenn diese These richtig ist, besteht allerdings das Problem des Missbrauchs. Jeder Mensch mit entsprechendem Sendungsbewusstsein könnte für sich in Anspruch nehmen, ein Messias zu sein oder im Namen Gottes zu sprechen. Wir als endliche Geister sind jedoch systematisch von der Möglichkeit abgeschnitten, dies zu überprüfen. Im Namen Gottes könnte auf diese Weise eine Tyrannei eingerichtet werden - und das können wir nicht wollen.

Da ein Messias seinen Zeitgenossen im Denken und Handeln aber weit voraus wäre, würde er - gäbe es ihn - nicht verstanden werden. Er würde nicht nachplappern, was der Zeitgeist verlangt, er wäre nicht bei den vermeintlichen Eliten zu finden, er würde in kein Schema passen, er würde mit seinen Thesen als einer von Vorgestern gelten und keine Partei ergreifen, er würde folglich keine Erwerbsquelle finden, er müsste sich beim Sozialamt anstellen oder betteln gehen.

Ein Mensch wäre eine solche Persönlichkeit dennoch, er könnte sich nicht von allen Bedürfnissen befreien, seine Armut würde seinen Geist trüben. Es heißt zwar, dass frei sei, wer sich vom Materiellen abwenden, doch selbst Klostergemeinschaften bieten zumindest die Grundbedürfnisse - anders als in den Elendsquartieren der Dritten Welt. Und schließlich: Warum sollte ein Messias allem Weltlichen abschwören wollen?

Fazit: Den Messias würde man suchen, wo er nicht zu finden ist. Er würde Erkenntnisse bieten, die man nicht glauben wollte. Und er würde sich niemals selbst offenbaren. Von der Tatsache abgesehen, dass es ihn aus oben genannten Gründen nicht geben darf, würde ein Messias nicht erkannt werden. Die Menschheit muss die Probleme der Welt aus sich selbst heraus auf sich selbst hin lösen. Der Mensch muss sich von kindlich naiven Vorstellung lösen, dass die Lösung von außen kommt.

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Gedanken zum Oktober 2013

Fundstücke: Zwei Postkarten

Diesen Monat gibt es das Thema des Monats aus Kapazitätsgründen leider nicht.

Stattdessen ein Zusammenschnitt einiger Fundstücke.

Fundstücke

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Gedanken zum September 2013

Immanuel Kant: Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten

Aufgrund der zahlreichen Krisen in Afghanistan, Syrien, Irak, Lybien, Ägypten, usw. usf. ist Immanuel Kants Schrift "Zum ewigen Frieden" auch 220 Jahre nach dem Erscheinen noch außerordentlich aktuell. Dazu möchte ich nun die von ihm genannten Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten zitieren:

  1. "Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden."
  2. "Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können."
  3. "Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören."
  4. "Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden."
  5. "Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewaltthätig einmischen." Dazu: "... So lange .. [ein] innerer Streit noch nicht entschieden ist, würde diese Einmischung äußerer Mächte Verletzung der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit ringenden, von keinem andern abhängigen Volks, selbst also ein gegebenes Skandal sein und die Autonomie aller Staaten unsicher machen."
  6. "Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind Anstellung der Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Capitulation, Anstiftung des Verraths in dem bekriegten Staat etc."

Zitiert aus: Immanuel Kant, Zum Ewigen Frieden, Erster Abschnitt

Es ist sonderbar, dass so wenige Politiker Kant gelesen haben. Wenn es eine Qualifikation für Politik geben sollte, dann doch Philosophie.

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Gedanken zum August 2013

Führungsstile: Pyramid of Shit

Jeder, der einmal in ein einer Organisation earbeitet hat, wird sich im folgenden Cartoon wiederentdecken: Entweder als Vorgesetzter oder als Untergebener. Und vor allem: Es ist nicht witzig sondern wahr. Jede theoretische Abhandlung über Führungsstile erübrigt sich mit dieser herausragenden Darstellung. Es zeigt sich, dass jeder auch immer mit ein Spiegel seines Gegenübers ist. Wer seinen Mitmenschen mit Misstrauen gegenüber tritt, erntet Misstrauen. Nur wer seinen Mitmenschen mit Vertrauen gegenüber tritt, erntet Vertrauen.

Zitiert aus: thenextweb.de vom 30.04.2013

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Gedanken zum Juli 2013

Avantgarden der Nutzlosigkeit gemäß Sloterdijk

Als Verfechter der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Höhe von 60% des Durchschnittslohns begleitet durch Anreizmechanismen, die eine Reduzierung der persönlichen Arbeitszeit ohne unverhältnismäßig hohen Einkommensverlust ermöglichen, ist es mir ein besonderes Anliegen, etwaige Gegenargumente entkräften zu können. Dass die Arbeitszeit reduziert werden muss, da die Produktivitätsraten (bezogen auf die Arbeitszeit) tendentiell zunehmen, während das Wirtschaftswachstum tendentiell abnimmt, habe ich bereits im Werk 2 meiner Arbeit zum Thema "DER WELTGEIST" zeigen können, sofern man nicht - bedingt durch Lohn- und Sozialdumping - einfach nur unproduktiv werden will. Ein Argument gegen mehr Freizeit ist, dass die Menschen nicht in der Lage sind, mit sich etwas anzufangen, und sich folglich nutzlos fühlen. Ich glaube, dass kulturelle Bildung helfen könnte. Dass aber die Entwicklung bereits in die richtige Richtung führt, hat Peter Sloterdijk erkannt, den ich nun als Argument für mehr Freizeit, als Argument für weniger Arbeit, als Argument für ein Grundeinkommen, das höhere Einkommen mit weniger Arbeit ermöglicht, als Argument die erzwungene Unbrauchbarkeit durch Arbeitslosigkeit und Hartz IV durch die Erfahrung glücklicher Unbrauchbarkeit zu ersetzten, zitieren möchte:

"Sie [die individualisierten Massengesellschaften okzidentalen Typs] sind erstaunlich, weil sie inzwischen unzählige Individuen mit Subjektivitätserfahrungen beherbergen - fast könnte man sagen: mit Auflösungserfahrungen, mit Asozialitätserfahrung, mit der Erfahrung von glücklicher Unbrauchbarkeit. Nicht alle Gesellschafter weisen naturgemäß denselben Grad an subjektiver Verstrahlung auf. Noch dürfte eine kanppe Mehrheit nur schwach in Mitleidenschaft gezogen sein, weswegen ihre gefährdeten Momente kaum über sorglose Urlaubstage und alkoholinduzierte Abdunkelungen des Realen hinausgehen. Auf der anderen Seite gibt es bedeutende Gruppen mit hohen Verstrahlungswerten, namentlich bei Künstlern, die als Avantgarden der Nutzlosigkeit auftreten, aber auch bei Angehörigen therapeutischer Berufe, bei Anbietern von Entspannungstechniken und meditativen Rückzügen sowie bei den Vertretern neuer komfortabler Religionen, vor allem aber in den Jugendszenen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts immer offensiver etabliert haben. Sie haben es längst fertiggebracht, die altmodische reverie in eine veritable Kultur ausgekoppelter Zustände fortzubilden - dort stehen Wörter wie flippen, gammeln, herumhängen, driften, relaxen, neuerdings auch hartzen, prokrastinieren und chillen als Chiffren für eine vielfältig nuancierte tätige Untätigkeit am Rand der etablierten Wirklichkeitszonen. In all diesen Bereichen sind im 20. Jahrhundert zahllose Individuen herangewachsen, die mit Realitätsauflösung durch Entspannung und Gesellschaftsauflösung durch Streßfreiheit bedenklich umfangreiche Erfahrungen erworben haben. Zum äußersten staunenswert ist die Existenz von Gesellschaften, denen es gelingt, die zahllosen Fremden zu integrieren, die wir selber sind, nachdem wir von der subjektiven Verstrahlung erfaßt wurden. Man darf sich in Integrationsfragen von Soziologen nichts vormachen lassen: Im Individualismus ist jeder einzelne eine Parallelgesellschaft. Wir alle haben einen Migrationshintergrund, sofern wir einmal ganz weit weg waren und jetzt wieder auf dem Posten sind."

Zitiert aus: Peter Sloterdijk, Streß und Freiheit, Berlin 2011, S. 38 ff.

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Gedanken zum Juni 2013

Emotionale Ausbeutung von Männern durch die Werbung

Eigenartigerweise wird behauptet, dass die Abbildung leicht bekleideter Frauen beispielsweise in der Werbung oder die Darstellung nackter Frauen in der Pornoindustrie Frauen auf Objekte reduziert und sie zu Opfern macht. Das mag zwar gefühlt alles irgendwie stimmen und ist doch eben auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn die Adressaten sind letztlich Männer, die zum Geldausgeben animiert werden sollen. Da die Natur der Geschlechtlichkeit in der Triebstruktur des Menschen einen hohen Stellenwert einräumt, zielen diese Formen der Darstellung auf die emotionale Ausbeutung von Männern, die sich der Wirkung nur schwer oder gar nicht entziehen können. Damit werden Männer zu Objekten degradiert. Dies geschieht in der Regel durch Unternehmen. Daher ist es gleichgültig, ob die Verursacher nun Männer oder Frauen sind.

Und wenn sich Frauen trotzdem herabgesetzt fühlen, können sie sich relativ einfach revanchieren, indem sie ihrerseits Männer als Objekte darstellen und nutzen, anstatt sich in eine vermeintliche Opferrolle zurückzuziehen. Die Reaktion auf die extrovertierte Haltung von Männern, muss schließlich nicht zwangsweise zur Passivität der Frauen führen, sondern könnte Frauen mit einer selbstbewussten Einstellung zur eigenen Geschlechtlichkeit auch zu gleichwertigen Offensiven veranlassen. Der ein oder andere Mann wird sich alleine schon aus einem Überraschungseffekt heraus möglicherweise nach resoluter verbaler oder nonverbaler Gegenwehr beispielsweise mit anzüglichen Sprüchen oder Verhaltensweisen eher zurückhalten.

Ist es nicht am Ende doch so, dass in der Liebe, in der Sexualität der jeweilige Partner eben immer auch ein Objekt ist? Frauen und Männer sind sich wechselseitig Objekt.

Fazit: Männer sind Objekte. Männer werden ausgebeutet. Männer sind Opfer.

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Gedanken zum Mai 2013

Perspektivlosigkeit der Jugend (Südeuropas)

Wo soll bei einer Jugendarbeitslosigkeit von etwa 50% oder mehr die Perspektive der Jugend (Südeuropas) herkommen?

Irgendwann einmal soll Südeuropa wettbewerbsfähig sein. Der Weg dahin wird sicherlich Lohn- und Sozialdumping sowie Haushaltskürzungen nach sich ziehen. Diskutieren wir zunächst die unter diesen Bedingungen optimistische Variante, nämlich dass diese Maßnahmen zum Erfolg führen: Es werden viele Jahre Wachstum vergehen müssen, das zudem noch über dem der Produktivitätssteigerung liegen muss, ehe eine substanzielle Zahl an Arbeitsplätzen entsteht. Die Arbeitsbedingungen werden äußerst schlecht sein, da ja zugleich die Arbeitsmärkte flexibel gestaltet werden sollen. Es ist anzunehmen, dass die Arbeit zunächst aus Praktika, Teilzeit, prekärer Beschäftigung, befristeten Verträge oder Scheinselbständigkeit bestehen wird. Vielleicht werden sich viele Menschen erst in einem Alter von Mitte 30 beruflich und finanziell etablieren können - wenn überhaupt. Doch selbst wenn dies gelingt, wird es ab einem Alter von Anfang 50 heißen, für die bis dahin herangewachsene Jugend Platz zu machen - weil schließlich der Jugend die Zukunft gehört - das wird dann denen gesagt werden, die nie eine Zukunft gehabt haben. Denn wann einmal gab es wirklich dauerhaftes Wachstum, wenn man von Wiederaufbauphasen nach Kriegen oder den Phasen der Industrialisierung absieht? Fazit: Die (südeuropäische) Jugend von heute hat keine vernünftige Zukunftsperspektive.

Ein unangenehmer Nebeneffekt des vermeintlichen Erfolgs von Lohn- und Sozialdumping wird sein, dass - im Sinne einer Grenzwertbetrachtung - aufgrund der gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit der Exportüberschuss Deutschlands entfällt. Wenn ein BIP von 2.400 Mrd. Euro von 40 Mio. Menschen erwirtschaftet wird, entspricht ein Exportüberschuss von 180 Mrd. Euro rein rechnerisch etwa 3 Millionen Arbeitsplätzen. Denkbar wäre zudem ein Worst-Case-Szenario, bei dem nach einem Austritt Deutschlands aus der Währungsunion Währungsspekulationen ein Exportdefizit in gleicher Höhe verursachen. Das bedeutet für Deutschland ein Potential einer zusätzlichen Arbeitslosigkeit von 6 Mio. Menschen - also insgesamt 9 Mio. Arbeitslose. In jedem Fall führt dies zu einer weiteren Runde von Lohn- und Sozialdumping in Deutschland - mit der Folge, dass sich die Abwärtsspirale fortsetzt. Fazit: Die (südeuropäische) Jugend von heute hat keine vernünftige Zukunftsperspektive.

Was passiert nun aber, wenn Lohn- und Sozialdumping nicht zu zusätzlichen Arbeitsplätzen führt, weil die Grenzen des Wirtschaftswachstums erreicht sind oder weil die Entstehung neuer Märkte bereits im Keim durch Deutschland und die aufstrebenden Gesellschaften Südostasiens wegkonkurriert wird oder weil einfach keine Nachfrage vorhanden ist? Dann gilt sowieso: Die (südeuropäische) Jugend von heute hat keine Zukunftsperspektive.

Wie kommt es, dass sich die heutige Jugend (Südeuropas) ihr einziges Leben unwiederbringlich rauben lässt? Weil sie entgegen aller Logik auf Besserung hofft. Weil sie sich durch Medien und Politik verblöden lässt. Weil sie zu schwach ist. Weil die Jung gegen Alt, Arbeitnehmer gegen Arbeitslose, Arm gegen Reich, Arbeit gegen Kapital ausgespielt werden. Die Jugend von heute wird es merken, wenn es zu spät ist und sie die Jugend von gestern geworden ist.

Es muss gesellschaftlich eingesehen werden, dass nach der Industrie- und Informationsgesellschaft die Freizeitgesellschaft folgt. Entscheidend ist daher die Verteilung von Freizeit und Einkommen. Arbeitszeitverkürzungen in Verbindung mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens sind unverzichtbar. Ein bedingungsloses Einkommen, das an den Durchschnittsverdienst und einen Mindestlohn gekoppelt ist, erhält die Leistungskomponente, die als zentrales Gegenargument gilt. Anreize für Arbeitnehmer, weniger zur arbeiten und für Arbeitgeber, mehr Menschen zu beschäftigen, sind die Kopplung der Arbeitnehmeranteile zur Sozialversicherung an die Arbeitszeit und die Kopplung der Arbeitgeberanteile an den Umsatz je Mitarbeiter. Eine Finanzierung kann durch die Abschaffung der Bemessungsgrenzen, die Einführung eines einheitlichen Lohn- und Einkommenssteuersatzes von 40%, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer und anderes erfolgen.

Diese kopernikanische Wende in der Wirtschaftspolitik scheint jedoch die intellektuelle Kapazität meiner Zeitgenossen zu übersteigen..

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Gedanken zum April 2013

Zustand der Wissenschaften gemäß Schopenhauer

Obwohl Arthur Schopenhauer schon seit mehr als einhundert Jahren tot ist, scheint er auch heute noch außerordentlich aktuell zu sein. So bin ich überzeugt, dass seine Ausführungen "Über Gelehrsamkeit und Gelehrte" die Ignoranz gegenüber allem, was nicht innerhalb so genannter wissenschaftlicher Organisationen und Institutionen hervorgebracht wird, hervorragend widerspiegelt - ebenso wie die Beschreibung der Verleugnung von Überzeugungen. Dazu möchte ich nun einige seiner Paragrafen zitieren:

"§ 249 Dilettanten, Dilettanten! - so werden die, welche eine Wissenschaft oder Kunst aus Liebe zu ihr und Freude an ihr, per il lore diletto, treiben, mit Geringschätzung genannt von denen, die sich des Gewinnes halber darauf gelegt haben, weil sie nur das Geld delektiert, das damit zu verdienen ist. Diese Geringschätzung beruht auf ihrer niederträchtigen Überzeugung, dass keiner eine Sache ernstlich angreifen werde, wenn ihn nicht Not, Hunger oder sonst welche Gier dazu anspornt. Das Publikum ist desselben Geistes und daher derselben Meinung: Hieraus entspringt sein durchgängiger Respekt vor den "Leuten vom Fach" und sein Misstrauen gegen Dilettanten. In Wahrheit hingegen ist dem Dilettanten die Sache Zweck, dem Manne vom Fach als solchen bloß Mittel. Nur der aber wird eine Sache mit ganzem Ernst treiben, dem unmittelbar an ihr gelegen ist und der sich aus Liebe zu ihr damit beschäftigt, sie con amore treibt. Von solchen, und nicht von den Lohndienern, ist stets das Größte ausgegangen."

"§ 251 Der deutsche Gelehrte ist aber auch zu arm, um redlich und ehrenhaft sein zu können. Daher ist drehen, winden, sich akkommodieren und seine Überzeugung verleugnen, lehren und schreiben, was er nicht glaubt, kriechen, schmeicheln, Partei machen und Kameradschaft schließen, Minister, Große, Kollegen, Studenten, Buchhändler, Rezensenten, kurz: alles eher als die Wahrheit und fremdes Verdienst berücksichtigen sein Gang und seine Methode. Er wird dadurch meistens ein rücksichtsvoller Lump. Infolge davon hat denn auch in der deutschen Literatur überhaupt und der Philosophie insbesondere die Unredlichkeit so sehr die Überhand gewonnen, dass zu hoffen steht, es werde damit den Punkt erreichen, wo sie als unfähig, noch irgendjemanden zu täuschen, unwirksam wird."

"§ 252 Übrigens ist es in der Gelehrtenrepublik wie in anderen Republiken: Man liebt einen schlichten Mann, der still vo sich hingeht und nicht klüger sein will als die anderen. Gegen die exzentrischen Köpfe, als welche Gefahr drohen, vereinigt man sich und hat, o wehe!, Majorität auf seiner Seite. In der Gelehrten-Republik geht es, im Ganzen genommen, so her wie in der Republik Mexiko, in welcher jeder bloß auf seinen Vorteil bedacht ist, Ansehen und Macht für sich suchend, ganz unbekümmert um das Ganze, welches darüber zugrunde geht. Ebenso sucht in der Gelehrten-Republik jeder nur sich geltend zu machen, um Ansehen zu gewinnen. Das Einzige, worin sie alle übereinstimmen, ist, einen wirklich eminenten Kopf, wenn er sich zeigen sollte, nicht aufkommen zu lassen, da er allen zugleich gefährlich wird. Wie das Ganz der Wissenschaften dabei führt, ist leicht abzusehen."

Zitiert aus: Arthur Schopenhauer, Die Wahrheit kann warten, Wiesbaden 2013, S. 101 f.

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Gedanken zum März 2013

Bertolt Brecht: Von der Kindsmörderin Marie Farrar (1922)

Da mich das Gedicht "Von der Kindsmörderin Marie Farrar" von Berthold Brecht sehr tief angerüht hat, möchte ich auf dieses aufmerksam machen und zumindest die erste und letzte Strophe zitieren:

"Marie Farrar, geboren im April
Unmündig, merkmallos, rachitisch, Waise
Bislang angeblich unbescholten, will
Ein Kind ermordet haben in der Weise:
Sie sagt, sie habe schon im zweiten Monat
Bei einer Frau in einem Kellerhaus
Versucht, es abzutreiben mit zwei Spritzen
Angeblich schmerzhaft, doch ging's nicht heraus.
Doch ihr, ich bitte euch, wollt nich in Zorn verfallen
Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen."

2. Strophe - entfallen

3. Strophe - entfallen

4. Strophe - entfallen

5. Strophe - entfallen

6. Strophe - entfallen

7. Strophe - entfallen

8. Strophe - entfallen

"Marie Farrar, geboren im April
gestorben im Gefängnishaus zu Meißen
Ledige Kindesmutter, abgeurteilt, will
Euch die Gebrechen aller Kreatur erweisen.
Ihr, die ihr gut gebärt in saubren Wochenbetten
und nennt "gesegnet" euren schwangren Schoß
wollt nicht verdammen die verworfnen Schwachen
Denn ihre Sünd war groß, doch ihr Leid war groß.
Darum ihr, ich bitte euch, wollt nich in Zorn verfallen
Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen."

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Gedanken zum Februar 2013

Arbeit, Verträge, PPP, Verzicht, Soldaten

Befreiung von der Arbeit:

Die dramatisch steigenden Arbeitslosenzahlen der Südeuropäischen Länder insbesondere unter Jugendlichen nehmen auch unsere Zukunft schon vorweg - die Transformation in die "Freizeitgesellschaft" ist längst Realität. Die Konsequenzen wie mangelnde soziale Anerkennung sowie Armut und Perspektivlosigkeit sind jedoch tragisch. Die traditionelle Lösung lautet: Mehr Wettbewerbsfähigkeit. Wenn jedoch all diese Länder durch Lohn- und Sozialdumping irgendwann einmal wettbewerbsfähig geworden sind, hieße das, dass eben auch der Exportüberschuss Deutschlands schwinden würde. Das würde hierzulande wiederum einer Zunahme der Arbeitslosigkeit um drei Millionen Menschen entsprechen. Daraufhin würde der Lohnunterbietungswettbewerb in Deutschland fortgesetzt werden - die Abwärtsspirale ginge weiter. Kämen dazu noch konjunkturelle Schwierigkeiten in China oder den Vereinigten Staaten hinzu, wären die Konsequenzen furchtbar. Als Nebensatz sei angemerkt, dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit eben nicht durch niedrige Löhne sinkt: So hat Berlin mit seinen niedrigen Löhnen die fast die höchste Arbeitslosigkeit in Deutschland - aufgrund seiner zahlreichen Universitäten und Gründerzentren sowie Kreativwirtschaft kann es nun wahrlich nicht der mangelnden Produktivität geschuldet sein. Ob nun Lohnverzicht in Südeuropa tatsächlich zu mehr Beschäftigung führt, ist folglich fraglich.

Es gilt daher, die wirtschaftspolitischen Spielregeln so zu verändern, dass Arbeitslosigkeit in eine Positivbestimmung umgewandelt werden kann - das kann beispielsweise heißen, den Aspekt der Befreiung von der Arbeit zur Geltung zu bringen. Dies kann gelingen, wenn die Einkommensfrage geklärt werden kann. Ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 60% des Durchschnittseinkommens bei einem Einkommenssteuersatz von 40% unter Aufhebung der Beitragsbemessungsgrenze ist Teil einer Lösung: Arbeitslosigkeit ist kein unabsehbares ökonomisches Risiko mehr, Kulturarbeit wäre möglich, soziale Ausgrenzung könnte vermieden werden - gleichzeitig bliebe das Leistungsprinzip erhalten.

Geheime Verträge:

Wie ist es mit der Demokratie vereinbar, zwischen Staat und privaten Unternehmen geheime Verträge zu schließen, die nicht einmal durch die Parlamentarier eingesehen oder geprüft werden dürfen? Ganz einfach. Es muss als sittenwidrig gelten, wenn Verträge mit einer über eine Legislaturperiode hinausgehende Laufzeit der Geheimhaltung unterworfen werden. Um den Korruptionsschutz zu gewährleisten, muss eine demokratische / parlamentarische Prüfung und ggf. eine Kündigung solcher Verträge möglich sein. Es könnte einwendet werden, das Betriebsgeheimnisse gewahrt werden müssen. Ich aber glaube, dass solche Argumente lediglich Schutzbehauptungen sind, um etwaige Konkurrenz auszuschließen.

Private Public Partnership:

Bei einem ausgeglichenen Haushalt, der eigentlich selbstverständlich sein könnte, fallen keine Zinsen an - folglich auch nicht für die in dieser Zeit getätigten öffentlichen Investitionen. Einnahmen und Ausgaben halten sich also die Waage. Bei einer Öffentlich-Privaten-Partnerschaft (ÖPP) bzw. Private Public Partnership (PPP) fallen in jedem Fall aber neben Zinsen auch noch Beratergebühren von etwa 1 bis 4 tausend Euro je Projekttag und (kalkulatorische) Gewinne in unbekannter Höhe an. Darüber hinaus ist es kein Naturgesetz, dass die Öffentliche Hand unwirtschaftlich arbeitet. Öffentlich-Private Partnerschaften wie die Vergabe des Baus oder der Erweiterung von Autobahnen müssen daher prinzipiell teurer werden, als wenn der "Staat" selbst als Bauherr auftritt. Sie sind schlicht eine plumpe Umgehung des grundgesetzlich festgelegten Verbots, Schulden zu machen.

Sparen durch Verzicht:

Sparen durch persönlichen Verzicht oder Produktsharing und dergleichen wird von einigen Kreisen als Lösung gegen den Wachstumszwang angesehen. Das mag zwar individuell helfen, doch unter Berücksichtigung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spielregeln vergrößert dies jedoch die sozialen Probleme nur noch. Denn sollte die Summe des persönlichen Verzichts vieler Menschen gesellschaftlich relevante Dimensionen annehmen, hieße dies weniger Arbeit, mehr Arbeitslosigkeit, mehr Armut und die Notwendigkeit auf noch mehr Verzicht. Es muss folglich eine Lösung gefunden werden, dass die Folgen der Verkürzung der Arbeitszeit - wie bspw. weniger Lohn, weniger Rente und weniger Arbeitslosengeld - beseitigt werden. Dies könnte durch ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 60% des Durchschnittslohns unter Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenzen in Verbindung mit der Kopplung der Arbeitnehmeranteile zur Sozialversicherung an die Arbeitszeit und die Kopplung der Arbeitgeberanteile an den Umsatz je Beschäftigten geschehen.

Tötende und misshandelnde Soldaten:

Wenn über Soldaten und Söldner geurteilt wird, ist zu berücksichtigen, dass sie oftmals vom untersten Rand der Gesellschaft stammen, ökonomisch abhängig sind und vielfach der Debilität nahe zu sein scheinen. Diese "armen Schweine" erfahren möglicherweise in der Armee das erste Mal in ihrem Leben so etwas wie soziale Anerkennung. Sie werden dort zum Töten trainiert und abgerichtet - also dazu gezwungen, das zu überwinden, was das menschlichste am Menschen überhaupt ausmacht.

Und wenn diesen Menschen befohlen wird, das auszuführen, wozu sie dressiert wurden, nämlich zu töten oder zu misshandeln - und sie insofern durchdrehen, als dass sie zu allem Überdruss ihre Opfer verhöhnen, um sich vom unendlichen psychischen Druck zu entlasten - na dann empören wir uns in unseren bequemen Sesseln zu Hause vorm Fernseher mit der Pulle Bier und der Tüte Chips sofort moralisch und rufen reflexartig, bestraft sie.

Natürlich haben diese Soldaten bspw. in AbuGhraib oder Guantanamo Verbrechen begangen, keine Frage. Aber übersehen wir dabei aber nicht die Befehlsgeber und diejenigen, die sie zu beaufsichtigen haben. Nicht der Mensch ist schlecht, sondern der Krieg macht aus Menschen schlechte Menschen. Die Damen und Herren Richterinnen und Richter mögen dies bitte bedenken, wenn sie urteilen.

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Gedanken zum Januar 2013

Gewohnheit und Weltwirtschaft

Aufgrund der enormen globalen gesellschaftlichen Umwälzungen möchte ich heute einen Vortrag über Gewohnheit etwas verändert wiedergeben, den ich bereits 1996 gehalten habe, schließlich bietet Gewohnheit Sicherheit und Orientierung.

Ein Beispiel für Gewohnheit ist die Erwartung des täglichen Sonnenaufgangs. Hume z. B. kennt keine vernünftigen wissenschaftlichen Beweisgründe für eine Gesetzmäßigkeit. Allein unsere Erfahrung veranlasst uns zu glauben, dass auch morgen die Sonne wieder aufgeht. Wenn wir uns jedoch auf unsere Erfahrung berufen, können wir lediglich Aussagen über Wahrscheinlichkeiten treffen. Das heißt, wir können uns nicht sicher sein - als philosophische Skeptiker müssten wir depressiv werden. Und eigenartigerweise sind wir es dennoch nicht; denn es ist das Prinzip der Gewohnheit, das uns bei der Wiederholung von Handlungen oder Vorgängen veranlasst, zu folgern, dass Ereignisse konstant miteinander verbunden - in diesem Fall also, dass jeder neue Tag mit einem Sonnenaufgang verbunden ist.

Ein weiteres Beispiel für Gewohnheit ist die Fähigkeit, Zeichen und Objekte als numerisch dieselben wiederzuerkennen. Um das experimentell zu beweisen, schließe ich jetzt meine Augen - und jeder hier kann das jetzt oder später selbst überprüfen - und öffne sie wieder und frage: Was ist jetzt passiert? Nichts! Ich erkenne alle Gegenstände in diesem Raum als numerisch dieselben wieder; jeder wird seinen Nachbarn voraussichtlich ebenfalls als numerisch denselben wiedererkennen. Und dies beruht aufgrund erkenntnistheoretischer Überlegungen gemäß Prof. Günter Abel maßgeblich auf durch Gewohnheit verankerte und habituell gewordenen Gleichförmigkeitsmuster.

Dies alles ist nun die Bedingung dafür, dass wir uns alle überhaupt zusammenfinden konnten und dabei nicht im Chaos untergehen. Ohne Gewohnheit also sind wir völlig lebensunfähig; sie ist die Basis für die Fähigkeit den Alltag pragmatisch zu meistern. "So ist Gewohnheit die große Führerin im Menschenleben", schreibt Hume bereits 1758, als er den menschlichen Verstand untersuchte. Durch Gewohnheit übertragen wir die Vergangenheit auf die Zukunft, die Erfahrungen unserer Vorfahren bleiben uns also auch in Zukunft erhalten. Alles, was wir aus Gewohnheit tun, bildet einen Teil unseres bewusst strukturierten Alltags - sie rationalisiert das Denken. Auf diese Weise erhöht sich unsere Wahrnehmungsfähigkeit und Offenheit gegenüber der Umwelt. Somit ist Gewohnheit nicht bloß reiner Selbstzweck, sondern Bedingung zur Gestaltung der Zukunft. "Wir würden niemals Mittel den Zwecken anzupassen wissen oder es verstehen, unsere naturgegebenen Kräfte zur Erzeugung irgendeiner Wirkung zu gebrauchen", schreibt wiederum Hume über Gewohnheit. Diese Aussage wird durch den Ökonomen Keynes bestätigt, indem er behauptet, dass Wohlfahrtsmaximierung in einer ungewissen Welt nur mit generellen sozialen Regeln oder Gewohnheiten möglich ist.

Auf der anderen Seite ist die heutige Zeit durch eine nie da gewesene Dynamik gekennzeichnet. Aufgrund der exponentiell steigenden Komplexität der Weltwirtschaft besteht die Möglichkeit der katastrophalen Aufschaukelung des gesellschaftlichen Systems. In der Geschichte der gesamten Menschheit war es nie so spannend wie in den letzten hundert Jahren. Es ist daher eine Herausforderung in dieser Zeit leben zu dürfen. Alle die Welt bestimmenden Techniken sind in dieser Zeit entwickelt worden. Die wirtschaftliche Entwicklung wird in hohem Maße durch die Schulden- und Finanzkrise sowie einer erheblichen Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa bestimmt. Der politische Bereich wird durch das sich abzeichnende Scheitern der Arabellion gekennzeichnet. Als Folge dessen diskutiert man im sozialen Bereich auf die Fortführung des Verzichts auf Solidarität und christliche Werte durch Sozialabbau.

Aufgrund dieser Situationsbeschreibung ist nun unmittelbar einsichtig, dass Beharrlichkeit die Lage nur noch verschlimmert. Und eben dies bedeutet Gewohnheit. Gewohnheit ist gleichzusetzen mit Einförmigkeit. Einförmigkeit lähmt die kritische Kraft. Geistiges Unvermögen behindert den Fortschritt und beschleunigt die gesellschaftliche Talfahrt. Der drohende gesellschaftliche Niedergang wird verursacht auf den Regress auf bewährte Rezepte der vergangenen Jahrzehnte, die heute jedoch unangepasst sind. Unangepasst sind die Erwartungen, da sie der aktuellen Situation nicht gerecht werden.

Ein aktuelles Beispiel für Beharrlichkeit war der Regierungsumzug nach Berlin. Gegen die fast 50jährige Etablierung von Politik und Verwaltung in der Provinz ist es bis heute - trotz großzügiger Sondervergünstigungen - nicht gelungen, den Apparat vollständig nach Berlin zu bewegen. Dabei wäre die Lösung doch ganz einfach gewesen. Die Regierenden, deren Helfer und Helfershelfer hätten in Bonn verbleiben können, und zwar als Nachtwächter, während die Berliner, die seit vielen Jahren daran gewöhnt sind, Gewohnheiten aufzugeben, das Regierungsgeschäft auch ohne Hilfe aus Bonn hätten erledigen können.

Jetzt haben wir allerdings ein Problem - das ist eine Differenz zwischen Soll und Ist. Wir haben gesehen, dass Gewohnheit einerseits Bedingung für das "Sich-in-der-Welt-zurechtfinden" und andererseits Ursache eines wahrscheinlichen gesellschaftlichen Zusammenbruchs ist. Um nun das Niveau der derzeitigen Such nach Lösungen zu charakterisieren, möchte ich einen Dialog, den Carl Friedrich Weizsäcker aufgeschrieben hat, als Analogie heranziehen. Er lautet wie folgt: "Was suchen Sie im Lichtkegel dieser Straßenlaterne? - Meinen Hausschlüssel. - Haben Sie ihn hier verloren? - Nein. - Warum suchen Sie dann hier? - Weil ich hier wenigstens etwas sehe."

Welche Konsequenzen hat dies? Lösungen sind nicht im Bereich des bisher Bekannten zu suchen. Was zu tun ist, hat Paul Feyerabend in seinem Buch "Wider den Methodenzwang" anschaulich beschrieben: Es gilt die Grenzen der gegenwärtigen Begriffssysteme zu durchbrechen; es gilt, Gruppen mit ungewöhnlichen Weltanschauungen gewähren zu lassen, da ihnen ein Haufen von Jasagern unterlegen ist; es muss erlaubt sein, Subkulturen auszubilden; man braucht eine Traumwelt, um die Eigenschaften der wirklichen Welt zu erkennen. Mit anderen Worten kann man sagen: Man muss Konventionen durchbrechen; man muss sich auf Unbekannten einlassen; man muss riskieren, sich unbeliebt zu machen; man darf die Erwartungen anderer nicht in vorauseilendem Gehorsam antizipieren usw. usf.. So pointiert Carl Friedrich Weizsäcker die Situation mit folgen Worten: "Oft genug erscheint der erste Wissende den Zeitgenossen als der Verrückte."

Wie eben gesagt: Lösungen sind nicht im Bereich des Bekannten zu suchen. Deshalb ist es erforderlich, Analogien und Metaphern anzuwenden, dass heißt, ähnliche Strukturen in anderen Systemen zu erkennen und zu übertragen. Der Zufall hat es nun so gewollt, dass ich bei der Lektüre von Luhmann, der sich unter anderem mit sozialen Systemen beschäftigt hat, auf die Idee gekommen bin, die Erkenntnisse der Evolution auf die Gewohnheit zu übertragen, um das Dilemma der Gewohnheit zu überwinden. Ebenso sind ähnliche Strukturen in biologischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen wiedererkennbar.

Eine Bedingung für die Evolution ist der Selektionszwang. Dieser Zwang ist gegeben, wenn die Umwelt hinreichend komplex ist. Systeme können sich jedoch nur dann evolutionär in einer komplexen Umwelt entwickeln, wenn die Umwelt keine Zufallsverteilungen aufweist. Die Abwesenheit von Zufällen ist nun aber ein Charakteristikum von Gewohnheit. Das heißt, dass wir Gewohnheit benötigen, um uns in einer komplexen Welt zurechtfinden zu können. Gewohnheit dient also dazu, die Umwelt zu strukturieren. Auf der anderen Seite verändert sich die Welt ständig. Und genau das zwingt uns laufend, unsere Gewohnheiten zu ändern. Wenn man in einem Anfall von Übereifer, Tradition und Gewohnheit ganz abschaffen will, setzt man sich jedoch wieder den Zufallsverteilungen der Umwelt aus und ist handlungsunfähig. So kristallisiert sich die Veränderungsrate als entscheidendes Kriterium für die Reaktion auf Umweltänderungen heraus. Dabei kommt es jeweils auf eine angemessene Neubalanzierung der Verhaltensweisen an. Analog verhält es sich bei der Evolution. Die Lebewesen, die die Umweltveränderungen überhaupt nicht anpassen, sterben aus, und diejenigen, die planlos mutieren, ebenfalls. Auf den Punkt gebracht lässt sich daher sagen: Das, was die Gene für Lebewesen sind, sind Gewohnheiten für soziale Systeme und Organisationen.

Was das bedeutet, möchte ich am Beispiel von Unternehmen verdeutlichen, um die Bedingungen für eine evolutionäre Organisationsentwicklung im Rahmen der strategischen Unternehmensplanung aufzuzeigen.

Wenn eine hohe Komplexität der Umwelt Evolution ermöglicht, dann ermöglichen hohe Anforderungen an Unternehmen eine evolutionäre Organisationsentwicklung, die langfristig die Wettbewerbsfähigkeit sichert. Die Anforderungen, die den Unternehmen ausgesetzt sind, sind z. B. hohe Löhne, hohe Steuern und Abgaben, hohe Auflagen, starke Gewerkschaften, unabhängige Betriebsräte, harter Wettbewerb, selbstbewusste Arbeitnehmer usw. usf.. Unternehmen nun, die sich diesen Anforderungen stellen, erwirtschaften möglicherweise keine maximalen Gewinne und verdienen anderswo eventuell mehr. Wenn sie jedoch trotzdem Bestand haben, dann kann man sie zu den Besten der Welt zählen, da sie Anpassungsfähigkeit bewiesen haben. Und nur diejenigen Unternehmen, die über unzureichende Problemlösungsfähigkeiten verfügen oder lediglich Spekulationszwecke verfolgen, verlagern ihre Produktion ins Ausland. Diese Unternehmen mögen so zwar ihre Aktionäre zufrieden stellen; sie verzichten jedoch auf eine Weiterentwicklung ihrer Strukturen, da der Anpassungsdruck entfällt. Ist dann aber die Substanz aufgebraucht und die Struktur völlig veraltet, sind solche Unternehmen unwiederbringlich vom Fortschritt abgeschnitten, wenn sie unter gleichen Bedingungen mit an Komplexität angepasste Unternehmen konkurrieren müssten.

Auch hier kommt es auf die Veränderungsrate an. Verändert sich die Umwelt zu schnell, kann das die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen überstrapazieren; verändert sich die Umwelt überhaupt nicht, führt das zum Verlust der Anpassungsfähigkeit. Die Gewohnheit ermöglicht dabei das Vertrauen in langfristige Entscheidungen, bei denen sichergestellt wird, dass Investitionen sich später auszahlen. Hohe Anforderungen bzw. Komplexität sind Bedingungen dafür, dass Unternehmen Problemlösungskapazitäten bereitstellen. Die Evolution sorgt dann dafür, dass Unternehmer, die nicht vor hohen Anforderungen kapitulieren, sich durch Mut, Intelligenz, innovatives Denken sowie Kommunikations- und Anpassungsfähigkeit auszeichnen. Für die Reaktion von Unternehmen auf die Globalisierung des Wettbewerbs gibt die Fabel vom Hasen und Igel interessante Hinweise. Luhmann hat erkannt, dass der Hase nur schnell laufen konnte, während der Igel und seine Frau hochselektiv kommuniziert haben. Angewendet auf die Wirtschaft bedeutet das, dass harte und lange Arbeit keine Garantie für Erfolg ist.

Statt dessen ist intelligente und effiziente Kommunikation der entscheidende Erfolgsfaktor im internationalen Wettbewerb.

Um nun die Verhältnisse zwischen den Begriffen Veränderungsrate, Gewohnheit, Komplexität, Struktur und Evolution anschaulich zu machen, möchte ich einen Fluss als Analogie heranziehen. Damit komme ich auch wieder auf die Gewohnheit als Ausgangspunkt meiner Gedanken zurück.

Ein Fluss besteht aus einem Flussbett und fließendem Wasser. Der Verlauf des Flussbetts bestimmt den Weg und die Strömung des Wassers. Andererseits führt ein beständiger Druck des Wassers an das Ufer dazu, dass das Flussbett im Laufe der Zeit seinen Verlauf verändert. In diesem Sinne steht das Flussbett für Gewohnheit, während das aktuelle Tagesgeschäft das Wasser repräsentiert. So wird das aktuelle Tagesgeschehen durch die Gewohnheit in vorherbestimmte Bahnen gelenkt oder anders ausgedrückt: Das Tagesgeschehen wird durch Gewohnheit strukturiert und berechenbar. Trotzdem führen auch geringe Abweichungen des Tagesgeschehens von der Norm zur kontinuierlichen Veränderungen von Gewohnheiten, genauso wie der beständige Druck des Wassers den Verlauf des Flussbetts verändert. Veränderungen der Gewohnheit stehen also für den evolutionären Prozess. Wenn man nun den Verlauf eines Flussbetts stabilisieren will, baut man Deiche, Schleusen und Uferbefestigungen. Wie zahlreiche Beispiele gezeigt haben, führt genau dies zu Überschwemmungen. Und auch hier gibt es natürlich wieder eine Analogie zur Gewohnheit. Wird nämlich verhindert, dass sich Gewohnheiten trotz Veränderungen der Umwelt anpassen, sprengt der Druck des Tagesgeschehens den Rahmen von Gewohnheiten. Dies kann zu gesellschaftlicher Instabilität oder sozialen Verwerfungen führen. Je mehr Handlungsspielräume die Gewohnheit zulässt, desto komplexere gesellschaftliche Strukturen können sich ausbilden, ohne die Stabilität des Systems zu gefährden.

Zu Beginn der Ausführungen erschien Gewohnheit als etwas Statisches. Die Überlegungen über die Evolution haben dann dazu geführt, Gewohnheit als etwas Dynamisches zu betrachten, um den Gegensatz zwischen der Gewohnheit als Bedingung und Gefährdung der Existenz aufzuheben. Dabei ist eine komplexe Umwelt eine Chance für gesellschaftliche Veränderungen, die, wenn sie kontinuierlich erfolgen, zur Schaffung einer menschengerechten Welt führen können. Gezieltes Durchbrechen von Konventionen und Regeln durch Menschen mit ungewöhnlichen Weltanschauungen ergänzt das Licht der Straßenlaterne durch viele kleine Taschenlampen, um Licht in das Dunkel der Zukunft zu bringen und Wege aus der Krise aufzuzeigen. Das ist die große Aufgabe von Subkulturen, die alternative Wege ausprobieren, ohne gesellschaftlichen Schaden anzurichten, da jederzeit eine Rückkehr zur Gewohnheit möglich ist. Dieses Gewährenlassen, schreibt Feyerabend, fördert zwar leeres Gerede und loses Denken, es ist aber zugleich Vorbedingung des Fortschritts. In diesem Sinne gilt sein Motto: "Anything goes". Das heißt aber nicht, dass es sinnvoll ist, jede Alternative verbindlich für alle zu übernehmen - das wiederum hätte Beliebigkeit zur Folge -, sondern lediglich solche, die sich bewähren und sicherstellen, dass Bewährtes der Vergangenheit erhalten bleibt.

Tradition ist kein Selbstzweck. Tradition ist ein Mittel zur Gestaltung der Zukunft. Sie ist die Fahnenstange im Nebel, zu der man jederzeit zurückkehren kann, ohne sich zu verirren. Wenn man den richtigen Weg gefunden hat, kann man die Fahnenstange ein Stückchen weiter nach vorne tragen. Wir sollten uns ebenso als Plattform verstehen, effizient und intelligent zu kommunizieren. Hilfreich ist dabei der Austausch zwischen den Generationen. Die Älteren können dabei den Jüngeren Probierfelder bereitstellen, um sich dann - wie eine Fahnenstange - weitertragen zu lassen. In diesem Sinne beende ich den Vortrag mit einem Satz, den ich kürzlich aufgeschnappt habe:

Neue Ideen sind eine alte Tradition.

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